Der perfekte Penis? Warum sich schwule Männer unnötig unter Druck setzen

Es heißt, ein Penis sei wie ein Fingerabdruck – keiner gleicht dem anderen. Das kann ich bestätigen. In meinem ganzen Leben hatte ich schon so einige vor der Nase und ein Penis-Déjà-vu ist mir noch nie vorgekommen. Von klein und zierlich, über groß und prächtig, gerade wie ein Lineal oder krumm wie die sprichwörtliche Banane… Es gibt nichts, was es nicht gibt. Alleine diese Tatsache schließt für mich persönlich jegliche Vorstellung eines „allgemeingültig“ perfekten Penis aus.

Nun wäre an dieser Stelle eigentlich alles gesagt und jeder Mann könnte voller Selbstbewusstsein mit seinem Gemächt durch die Welt spazieren und ein passendes Gegenüber suchen, das seinen Penis genauso schätzt, wie er selbst. Wären da nicht die vielen, vielen externen Einflüsse, die einem einreden wollen, die Perfektion sei erstens existent – und nur von einem Faktor abhängig: der Größe. „The bigger, the better!“

20 Zentimeter plus

Ich war vor einigen Wochen in meinem Lieblingsrestaurant und musste – öffentlichen Verkehrsmitteln sei Dank – eine gute Viertelstunde auf eine sonst stets pünktliche Freundin warten. Während ich mir also die Zeit damit vertrieb, längst überfällige E-Mails zu beantworten, habe ich unbewusst auch den Gesprächen um mich herum gelauscht. Am Tisch rechts von mir saßen zwei Männer, Ende 20, der Konversation zufolge beide schwul – aber kein Paar. Sie unterhielten sich ein paar Minuten lang über einen anderen Mann, mit dem einer der beiden offensichtlich eine Nacht verbracht hatte.

„Aber weißt du… als ich sein Ding ausgepackt habe… das war gerade mal SO groß!“ Er fuchtelte wild mit dem ausgestreckten Zeigefinger vor dem Gesicht seines Gesprächspartners herum, dessen Augen mittlerweile weit aufgerissen waren. „Der war ansonsten echt hübsch, das hätte man nie gedacht. Danach lief nichts mehr zwischen uns.“ Ich notierte mir diesen Gesprächsschnipsel in meinem Smartphone, nippte an meinem Drink und kurze Zeit darauf erreichte auch endlich meine Dinner-Begleitung das Restaurant und der Abend nahm ohne weitere Penis-Enthüllungen seinen Lauf. (Lesen Sie hier: „Queen of Drags“ & Co: Warum das deutsche Fernsehen beim Thema „queer“ noch dazulernen muss)

Von der Antike bis zum Porno

Betrachtet man die Entwicklungen der Pornoindustrie, stellt man fest, dass diese aufgrund des Internets nicht nur kreativer werden musste (Virtual Reality, 3D, Nischen-Pornos), sondern sich auch in Penis-Dingen verändert hat. Während in alten Pornozeiten noch eine Vielfalt an verschiedenen Größen und Formen vor die Linse trat, sind es heutzutage (und da sind Hetero-Filmchen kein bisschen besser) überwiegend die Unterarm-langen-Fleischpeitschen, die sich bei Produzenten besonderer Beliebtheit erfreuen. Wird dieser Penis dann auch noch vom ersten Anblick bis zur Ejakulation mit kräftigem „Oh“, „Ah“ und „Jaaaa“ begleitet, entsteht der Eindruck, dass nur ein meterlanger, gerader Riesen-Penis den vollen Spaß im Bett garantiert.

Was passiert also? Männer kriegen Angst und eifern einem Ideal nach, das von der Pornoindustrie quasi erfunden wurde. Das endet dann in Kummer & Neid, schmerzhaften Penis-Pumpen-Experimenten oder in dubiosen Salben und Tabletten, die einem angeblich zu den letzten zwei Zentimetern Glück verhelfen sollen. Hier ein kleiner Hinweis, für alle die es noch nicht wissen: Diese Mittel vergrößern lediglich den Geldbeutel des Händlers.

Wer jetzt behauptet, das sei kein durch zeitgenössische „Medien“ entwickeltes Schönheitsideal, sondern schon immer so gewesen, der irrt sich leider. Werfen Sie mal einen genauen Blick auf den Schritt von griechischen oder römischen Statuen. Sie werden bei jedem Adonis der Antike feststellen, dass dieser grundsätzlich eher zur Kategorie „unterer Durchschnitt“ gehört – und nicht „Drei-Bein“. Das liegt nicht daran, dass am Marmor gespart werden musste, sondern früher ein großer Penis mit Dummheit assoziiert wurde. Während sich die Intellektuellen und Schönen der Gesellschaft lieber mit einer Extraportion Hirnmasse, Bizeps und Wangenknochen profilierten, waren es wollüstige und unterentwickelte Barbaren, die sich im Glanze ihres großen Gemächts sonnten. Über Potenz und Manneskraft sagte die Größe des Penis rein gar nichts aus.

Selbstbetrug und Dating-Lügen

Die kurioseste Entwicklung, die mir im Zuge des heutigen Penis-Wahns aufgefallen ist, findet auf schwulen Dating-Plattformen wie Grindr statt. Dort kann man, um ein möglichst genaues Bild von sich zu zeigen, allen anderen im Profil auch Auskünfte über den Inhalt seiner Hose geben. Dort werden neben Gewicht und Augenfarbe auch Angaben über den Intimbereich festgehalten, wie „Unbeschnitten, Größe L, rasiert.“

Das Problem ist jedoch, dass man beim scrollen und stöbern durch die Profile das Gefühl kriegt, dass 90 Prozent der Bevölkerung ein „XL“ ihr Eigen nennen. Ich wusste schon vor einer Reihe von One-Night-Stands, dass es sich hierbei um reine Selbstüberschätzung und Wunschdenken handelt. Wieso sabotieren denn so viele Männer ihre Suche nach (Sex-)Partnern? Genauso wie bei Körpergröße und Alter ist es nur eine Frage der Zeit, bis so eine Lüge auffliegt – der angebliche „XL“-Penis spätestens beim ersten Griff in die Hose. (Apropos Alter: „Nur unter 30“ – warum der Jugendwahn in der Schwulen-Szene nervt)

Der perfekte Penis – ein Mythos

Ich habe mich schon oft mit heterosexuellen Frauen und homosexuellen Männern über das Thema unterhalten. Neben einer Handvoll, denen beim Partner „extra-large“ gerade gut genug ist, kenne ich mindestens genauso viele, die heilfroh sind, wenn es sich um einen talentierten Liebhaber mit kleinerer Ausstattung handelt. Viele betonten insbesondere, die Fantasie vom übergroßen Porno-Penis sei so lange ein Reiz gewesen, bis man tatsächlich jemanden mit „genauso so einem Ding reingelassen hat“. Die erfreulichste Gemeinsamkeit war jedoch (und das bestätigen sogar internationale Studien und Umfragen), dass die meisten Menschen – meine Freunde eingeschlossen – mit dem Penis ihres aktuellen Partners absolut zufrieden sind.

Dieses Ergebnis, kombiniert mit der weltweiten, optischen Vielfalt im Genitalbereich, beweist doch eindeutig: Den perfekten Penis gibt es nicht. Das einzige, das existiert, ist das subjektive Ideal. Lassen Sie sich also nicht einschüchtern von Pornofilmen oder den Geschmäckern vereinzelter Personen. Egal was Sie selbst in der Hose haben, es gibt genügend Menschen da draußen, für die genau IHR Penis der perfekte Penis ist.

GQueer

Unser Autor Paul Sattler ist schwul und lebt in München. In seiner Kolumne „GQueer“ schreibt er über das Leben als Homosexueller in einer heteronormativen Welt. Alle weiteren Teile der Kolumne finden Sie hier. Sie haben Fragen, Kritik oder wollen über ein eigenes Erlebnis sprechen? Schreiben Sie unserem Autor an [email protected]

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GQ war von Beginn an das Magazin des modernen Mannes. Den einen modernen Mann gibt es aber nicht mehr, stattdessen viele verschiedene Typen, Rollenbilder, Selbstdefinitionen. Mit dem Projekt #NewMasculinity wollen wir die Vielfalt der Männlichkeit von heute feiern – und mit Klischees und überkommenen Männlichkeitsdefinitionen aufräumen. Alle GQ-Themen rund um die neue Männlichkeit finden Sie hier.

Dieser Artikel wurde verfasst von (Paul Sattler)

*Der Beitrag „Der perfekte Penis? Warum sich schwule Männer unnötig unter Druck setzen“ wird veröffentlicht von GQ. Kontakt zum Verantwortlichen hier.

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