Darmkrebs trifft immer mehr Jüngere – so erkennst du Risikofaktoren

Immer seltener sterben Betroffene an Darmkrebs. Das ist die gute Nachricht. Es ließen sich aber noch mehr Fälle verhindern – gerade unter jungen Menschen. Vorsorge heißt das Schlüsselwort. Für welche Risikogruppen sie besonders wichtig ist.

  • Im Video oben sehen Sie: Familiäres Risiko oft unbekannt: Arzt sagt, wann Sie zur Darmkrebs-Vorsorge müssen

Es ist ein besorgniserregender Trend, den Forschende in vielen Ländern beobachten: Darmkrebs trifft immer häufiger auch junge Menschen. In Deutschland erkranken momentan pro Jahr etwa 3000 Menschen unter 50 Jahren an Darmkrebs, darunter zunehmend auch jüngere Altersgruppen.

Mit diesen Zahlen beschäftigt sich Hermann Brenner intensiv. Der Professor ist Chef der Abteilung Klinische Epidemiologie und Alternsforschung am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). Noch immer erkranken jedes Jahr um die 60.000 Menschen an Darmkrebs, und etwa 25.000 Menschen sterben an der Erkrankung. Brenner ist überzeugt, dass sich diese Zahlen innerhalb der nächsten zehn Jahre halbieren ließen. Denn früh erkannt ist Darmkrebs meist heilbar. Bei der Vorsorgeuntersuchung durch eine Darmspiegelung lassen sich direkt Krebsvorstufen entfernen.

Über solche Chancen und welche Risikofaktoren junge Menschen gefährden, sprach der Wissenschaftler gerade auf dem Fachsymposium „Darmkrebsvorsorge 3.0“ des Netzwerks gegen Darmkrebs. Kooperationspartner ist unter anderem die Felix Burda Stiftung.

Vorsorge senkt Erkrankungsraten

Brenner weiß, wie viele Neuerkrankungen und Todesfälle die Prävention verhindern kann. Zahlen aus den USA zeigen etwa: Seit Ende der 80er bis jetzt haben sich die Erkrankungsraten halbiert. Woran liegt es? Angesichts von Risikofaktoren wie Übergewicht oder Diabetes, die in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen haben, hätte man Erhöhung erwarten müssen. „Aber der Effekt der Prävention macht sich hier bemerkbar“, führt Brenner aus. „Denn die Abnahme zeigt sich in den Altersgruppen, die gescreent werden.“

Bei Jüngeren hingegen würden die Fälle steigen. Ein Trend, den Forschende international in verschiedenen Studien bereits belegten. In Deutschland zeigt sich das dem Epidemiologen zufolge noch nicht so gravierend, wie beispielsweise Analysen von Daten der AOK-Versicherten verdeutlichten. Doch hierzulande weisen die Zahlen ebenfalls in diese Richtung.

Darmkrebs-Neuerkrankungen um 30 Prozent zurückgegangen

Seit 2002 gibt es in Deutschland die Vorsorge-Koloskopie: Die Krankenkassen übernehmen die Vorsorgeuntersuchung bei Männern ab 50, bei Frauen ab 55 Jahren. Seither haben wir laut dem Experten einen Rückgang der Inzidenz um knapp 30 Prozent – auch die Mortalität ist zurückgegangen. „Starke Indizien weisen darauf hin, dass es tatsächlich an der Prävention liegt“, führt Brenner auf dem Fachsymposium aus. Denn die Gegenüberstellung mit Norwegen verdeutliche, dass die Inzidenzraten dort leicht angestiegen sind – dort gibt es kein vergleichbares Screening-Programm.

Inzidenz

Die Inzidenz (Neuerkrankungsrate) ist eine Maßzahl der Epidemiologie und gibt an, welcher Anteil einer Gruppe von Personen (Population) die anfänglich frei von einer bestimmten Krankheit waren, diese über einen definierten Zeitraum entwickeln.

Definition

Inzidenz = Anzahl der Neuerkrankten während einer Beobachtungsperiode / Anzahl der beobachteten Personen, die zum Beobachtungsbeginn nicht erkrankt waren

(Quelle: Ärzteblatt.de)

Dass die Prävention positive Effekte hat (schon bevor sie Kassenleistung war), zeigte die Auswertung der Global Burden of Disease Study (GBS) ebenfalls. Ein Team um Rajesh Sharma von der Delhi Technological University hat dazu die Darmkrebsdaten für die 28 europäischen Länder, einschließlich Großbritannien, über drei Jahrzehnte aus der GBS analysiert.

Das Ergebnis: Um den Altersfaktor korrigiert ist die Darmkrebsinzidenz in Deutschland zwischen 1990 und 2019 deutlich gesunken. Die Darmkrebsmortalität ist sogar um mehr als ein Viertel zurückgegangen.

Dennoch zeigt der Europa-Vergleich gleichzeitig: Deutschland hat seine Möglichkeiten längst nicht ausgeschöpft, denn es liegt in beiden Bereichen lediglich im Mittelfeld.

Fünf von 28 Ländern wiesen eine rückläufige Inzidenz auf:

  • Österreich minus 36 Prozent
  • Luxemburg minus 19 Prozent
  • Tschechei minus 16 Prozent
  • Belgien minus 9 Prozent
  • Deutschland minus 8 Prozent (praktisch nur unter Frauen, kaum aber unter Männern zu beobachten)

Ähnlich verhält es sich mit der Mortalität: Deutschland nimmt mit einer Mortalität von 18 pro 100.000 Einwohner einen der mittleren Plätze ein. Die Sterberate ist unter Männern mit 22 deutlich höher als unter Frauen mit einem Wert von 14.

Mehr zum Thema Krebs


  • 6 Risikofaktoren für Brustkrebs haben Sie in der Hand – der BH-Mythos zählt nicht dazu


  • Mit dem 9-Punkte-Plan minimieren Sie Ihr Krebs-Risiko


  • Zehn goldene Regeln: So senken Sie Ihr Krebsrisiko!


  • Immer mehr Junge bekommen die Diagnose Darmkrebs – Ärzte sehen 3 Gründe!


  • Krebs-Meilenstein: Immuntherapie kann Tumore besiegen – wirkt besser als Chemo

  • Was braucht es, um noch mehr Darmkrebs-Fälle zu verhindern?

    Die Darmkrebs-Inzidenz in Deutschland ließe sich also halbieren. Davon ist der Epidemiologe Brenner überzeugt. Denn „die USA haben es uns vorgemacht, dass es trotz ungünstiger Trends bei den Risikofaktoren möglich ist“. Dafür sei eine breite Nutzung der Darmkrebs-Vorsorge, insbesondere der Koloskopie, notwendig.

    Durch den „Einsatz der Vorsorge-Koloskopie in Deutschland haben wir, wenn man so will, die Halbierung etwa zur Hälfte geschafft, nämlich etwa 30 Prozent Reduzierung“, wie Brenner erläutert. Noch seien es keine 50 Prozent. Doch die Halbierung hält der Experte für machbar.

    Entscheidend dafür sei eine breitere Nutzung der Prävention, insbesondere auch durch die schwer zu erreichenden Risikogruppen. Ein erhöhtes Risiko haben jüngere Menschen oft, ohne es zu wissen – etwa, wenn sie an Diabetes leiden, übergewichtig sind oder eine familiäre Vorbelastung in sich tragen. Zudem sei es dem Epidemiologen zufolge essenziell, bessere Einladungsverfahren zu entwickeln und einen niedrigschwelligen Zugang zur Vorsorge zu ermöglichen.

    Mehr zu Darmkrebs

    Sein Kollege Michael Hoffmeister, Stellvertretender Leiter der Abteilung Klinische Epidemiologie und Alternsforschung, könnte hierzu beitragen. Seine Darmkrebs-Früherkennung per Smartphone-App könnte das bestehende Vorsorge-Angebot ergänzen und den Zugang zu Tests vereinfachen. Das DKFZ schreibt in einer Pressemitteilung: Studien haben gezeigt, dass mehr Menschen an niedrigschwelligen Angeboten teilnehmen, wenn sie sich beispielsweise Tests nach Hause schicken lassen und selbst durchführen können.

    Zwei Faktoren entscheiden über Darmkrebs-Inzidenz

    Die Zahlen der Darmkrebs-Inzidenz weiter zu senken, ist gewissermaßen ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn mit dem demografischen Wandel kommen erstens immer mehr Menschen in das kritische Alter für Darmkrebs. Um diesem entgegenzuwirken, muss die Vorsorge-Quote enorm gesteigert werden, wie Brenner mit seinem DKFZ-Team in einer Modellierungsstudie errechnete. Bleibt sie wie heute bei weniger als 20 Prozent der Berechtigten, werden die Fälle bis 2050 auf jährlich etwa 77.000 steigen. The Lancet Regional Health – Europe 2022, 20 DOI: (10.1016/j.lanepe.2022.100451) Hochrechnung neu diagnostizierter Darmkrebsfälle bis 2060 unter der Annahme konstanter Nutzung der Koloskopie. Um das aufzufangen, müsste die Teilnahmerate allein bis zum Jahr 2030 auf etwa den doppelten und ab dem Jahr 2040 sogar auf den dreifachen Wert erhöht werden.

    Zweitens führen jüngere Menschen heute ein darmkrebsriskanteres Leben. Für diese Risikogruppen wäre die Prävention ebenfalls wichtig, um den Aufwärtstrend in dieser Altersgruppe zu stoppen oder gar umzukehren.

    Warum Darmkrebs immer mehr junge Menschen trifft

    Über die Frage, warum Darmkrebs zunehmend junge und immer jüngere Menschen trifft, hat Brenner bereits im Interview mit FOCUS online gesprochen. Zusammengefasst sieht der Forscher folgende Gründe:

    • Es gibt eine Reihe bekannter Risikofaktoren, wie ein hoher Konsum an rotem Fleisch und Wurstwaren, Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, Übergewicht, Bewegungsmangel.
    • Vorläufige Daten legen nahe, dass diese „Lebensstilfaktoren“ bei jüngeren Menschen eine noch viel größere Bedeutung haben als bisher angenommen.
    • Besonders Übergewicht ist für Jüngere ein noch stärkerer Risikofaktor als für Ältere.
    • In den jüngeren Generationen gibt es immer mehr Übergewichtige. Das wiederum könnte erklären, warum die Darmkrebsraten unter Jüngeren jetzt so ansteigen. Dieser Hinweis muss aber erst noch in großen Studien bestätigt werden.
    • Zusätzlich gibt es auch bei Darmkrebs die Hypothese, ob nicht vielleicht auch eine Infektion eine Rolle spielen könnte.

    Anmerkung: Die Felix Burda Stiftung gehört genauso wie FOCUS Online zu Hubert Burda Media.

    Quelle: Den ganzen Artikel lesen