Mein liebes Tagebuch

Eine Mega-Woche, die den Atem raubt. Lauterbach will das Apothekensystem zerschlagen: Light-Apotheken ohne Apotheker, ohne Labor, ohne Nachtdienst. Die ABDA erfährt sein toxisches Papier aus der FAZ – ein unsägliches Vorgehen. Das Plenum des Apothekertags ist bei Lauterbachs Videorede kurz vor der Explosion, der Saal kocht. Die ABDA reagiert umgehend: Faktenblatt, zwei Resolutionen, laute Proteste und klare Worte an Lauterbach. Und der November wird Protestmonat! Was der Apothekertag ebenfalls zeigt: einen starkes Wir-Gefühl und das Bekenntnis zum gemeinsamen Kampf für mehr Honorar. Und das ist dringend, denn in diesem Jahr schließen schon 600 Apotheken! 

26. September 2023

Traditionell stellt die ABDA seit 2016 in der Eröffnungspressekonferenz zum Apothekertag ihren Apothekenklima-Index vor, auch in diesem Jahr. Und er belegt, was alle fühlen: Die Stimmung in der Apothekerschaft ist im Keller, mehr Frust geht nicht. Zur Personalfrage: Geplant sind weniger Personaleinstellungen. Für die kommenden zwei Jahre sind deutlich mehr Entlassungen geplant. Genauso pessimistisch fallen die Aussagen zum Thema Personalsuche aus: Es gibt immer weniger Bewerbungen. Und düster ist die Zukunft der wirtschaftlichen Entwicklung der Apotheke: Insgesamt befürchten rund 64 Prozent der Inhaberinnen und Inhaber mittelfristig eine Verschlechterung ihrer Lage. Für 80 Prozent der Befragten hat die Erhöhung des Apothekenhonorars oberste Priorität, ebenso die Dynamisierung des Honorars. Kein Wunder, wenn die Protestbereitschaft enorm hoch ist: Rund 85 Prozent der Inhaberinnen und Inhaber befürworten weitere Protestaktionen. ABDA-Präsidentin Overwiening sagt, was ansteht: 12 Euro Apothekenhonorar pro verordnetem Arzneimittel lautet die Forderung oder anders ausgedrückt 2,7 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich, um die Arzneimittelversorgung sicherzustellen. Klare Ansage, mein liebes Tagebuch. Und, so die Präsidentin, die Ergebnisse des Klimaindex geben Rückendeckung für weitere Protestaktionen.

 

Mit Apothekers redet Lauterbach nicht, aber mit Lanz, mit der BILD – oder mit der FAZ. Und aus diesem Medium erfahren wir, dass er das heutige Apothekensystem zerschlagen will: Abschaffung des Mehrbesitzverbots, mehr Apothekenfilialen, auch Apotheke-Light-Filialen ohne Labor, ohne Rezeptur, ohne Nachtdienste – seine Ideen offenbart er im Gespräch mit der FAZ. Hinzukommen flexibilisierte Öffnungszeiten von Apotheken und ein überarbeitetes Honorarsystem, ohne hier konkret zu werden. Klar, die Ideen stecken noch im Frühstadium. Über ein Mehr an Honorar spricht er dagegen nicht, er will lieber das Honorarsystem überarbeiten, um einen Honoraranreiz für strukturschwache Standorte zu schaffen. Außerdem sollen PTA in Filialapotheken allein die Beratung vor Ort übernehmen, man müsse da einfach „auch neue Wege wagen, um gute Gesundheitsversorgung weiterhin überall anbieten zu können“. Alles in allem ein echter absurder Lauterbach. Und dieses abgedrehte Gedankenkonstrukt soll dann schon bis Jahresende in Gesetzesform gebracht werden. Mein liebes Tagebuch, das ist der Knaller zum Apothekertag, das sind die unpassenden Antworten Lauterbachs auf die wohlformulierten Fragen der ABDA. Mein liebes Tagebuch, ganz abgesehen davon, dass es ein Affront ist, der an Unverschämtheit grenzt, wenn er solche Ankündigungen über Medien lanciert, ohne mit der Apothekerschaft vorher darüber zu reden: Mit solchen hingerotzten Ideen disqualifiziert sich ein  Bundesgesundheitsminister selbst. Solche Äußerungen machen einmal mehr deutlich, was ihm unser hervorragendes Apothekensystem wert ist.

 

27. bis 29. September 2023

 

Der Apothekertag 2023 – ein Erlebnis der besonderen Art

Mein liebes Tagebuch, Lust auf einen kurzen Überblick über den diesjährigen Apothekertag aus journalistischer Sicht? Aber gerne! Dieser Apothekertag war der Kracher: quicklebendig und quirlig, knackig und crispy, emotional und explosiv. Die früheren Gähnstrecken blieben außen vor, auch der Geschäftsbericht, den man sich nur herunterladen kann. Außerdem: Es gab zwei Resolutionen. Und zwei fulminante Vorträge, einen von Gabriele Regina Overwiening, ABDA-Präsidentin, die in ihrem Lagebericht kein Blatt vor den Mund nahm und Lauterbachs Pläne als „völlig verrückte Ideen“ einordnete. Overwiening: „Wir befinden uns in einem extremen Krisenmodus.“ Und den anderen von Claudia Korf, Geschäftsführerin Ökonomie der ABDA. Sie beschrieb plastisch die schmerzhafte betriebswirtschaftliche Situation der Apotheken, es war ein Gang durchs Tal der Tränen. Beide Vorträge quittierte das Plenum mit lang anhaltenden stehenden Ovationen.

Den Schlussakkord setzte ein choreographisch umgesetztes Bild, das überwältigend den Zusammenhalt, das Wir-Gefühl in der Apothekerschaft verdeutlichen sollte. Delegierte aus allen Verbänden kamen auf die Bühne, hielten zusammen ein großes Banner mit der Aufschrift „Apotheke stärken. Jetzt!“ und „Apotheken kaputtsparen – nicht mit uns!“ Dazu verlas Overwiening die Resolution für eine faire Vergütung der Apotheke vor Ort („Die Düsseldorfer Erklärung), adressiert an die Bundesregierung. Mein liebes Tagebuch, diese Bilder hatten was, sie sollten zeigten: Jetzt wird’s wirklich ernst mit Protest, und der kommt.

Lauterbach und sein toxisches Papier

Auslöser für das neue Setting dieses Apothekertags war – das muss man ihm lassen – Karl Lauterbach mit seinem unsäglichen Ideenpapier mit dem sperrigen Titel   „Versorgungssicherstellung und Fachkräftesicherung in Apotheken“, ein Papier, das heftige metoclopramid-resistente Würgereflexe in Apothekenkreisen auslöst. Schon die Überschrift des Papiers ist mehr als schräg zum Inhalt. Und erst recht der Weg, auf dem er sein Ideenpapier an die Öffentlichkeit brachte (über die FAZ), ist ein Affront: Er düpierte dadurch nicht nur die ABDA, sondern auch die gesamte Apothekerschaft. Man muss es wohl so interpretieren: Ich, Karl Lauterbach, rede mit denen nicht mehr persönlich, nur noch über die Medien. Und das sind seine Ideen zur Zerschlagung eines hervorragend funktionierenden Apothekensystems: Er kann sich Light-Apotheken ohne Apotheker, ohne Labor, ohne Rezeptur und Notdienst vorstellen, er will Filialapotheken fördern durch mehr Mehrbesitz und dazu noch eine Honorarumverteilung. Von mehr Honorar ist natürlich keine Rede. Das extrem-perfide an diesen Ideen: Er hat sie so geschickt in die Öffentlichkeit getragen, dass sie aus Laiensicht auf den ersten Blick eigentlich gar nicht so übel sind: Warum regen sich eigentlich die Apotheken auf? Um zu verstehen und Außenseitern zu erklären, dass mit diesen unausgegorenen Vorschlägen ein System zerschlagen und die Versorgung letztlich verschlechtert wird – dafür braucht es Erklärungen. Die ABDA reagiert umgehend und setzte ein Faktenblatt auf, das Lauterbachs Vorschläge zerlegt. Aber dieses Faktenblatt scheint bei der FAZ nicht angekommen zu sein oder nicht verstanden zu werden. Ihren aktuellen Kommentar, der nicht gerade durch Tiefgang brilliert, überschreibt die Wirtschaftsredakteurin dieser Zeitung mit: „Reformiert endlich die Apotheken!“ Eine Kostprobe daraus: „Aufbruchstimmung zu verbreiten liegt nicht im Naturell der Apothekerzunft, lieber übt man sich dort im Bewahren des Althergebrachten. Diese Haltung ist nachvollziehbar, schützt die strenge Regulierung doch vor Konkurrenz. Wer heute eine Apotheke betritt, hat nicht das Gefühl, dass sich an Kauf- und Beratungsprozessen in den vergangenen zwanzig Jahren irgendetwas geändert hat.“ Mein liebes Tagebuch, wie bringt man jungen Redakteurinnen und Redakteuren bei, was heute Apotheken leisten? Das ABDA-Faktenblatt scheint sie noch nicht gelesen zu haben…

Hochexplosive Lage

Zurück zum Apothekertag: Eigentlich war der Ablauf der Veranstaltung von der „Choreographie-Abteilung“ der ABDA liebevoll vorbereitet worden. Man erhoffte sich von Lauterbachs Rede per Videostream die Beantwortung von sechs Fragen, die man dann mit ihm diskutieren wollte; abhängig von den Antworten sollte man ihm dann ein paar Pfiffe, Buhrufe (oder vielleicht sogar Dankesworte, falls es den unwahrscheinlichen Fall einer Honorarzusage gegeben hätte) mit auf den Weg geben. Doch „seine veröffentlichten Pläne enthalten konkrete Inhalte“, so die ABDA-Präsidentin Gabriele Regina Overwiening, die erforderlich machen, „den geplanten Ablauf des Apothekertags umzuschreiben“. Dieser Apothekertag wird anders. Also: Warnwesten anziehen mit der Aufschrift „Apotheken stärken. Jetzt!“, Trillerpfeifen liegen bereit.

Und dann: ER erscheint auf der Leinwand – nimmt nur selten Blickkontakt in die Kamera zum Saal auf und rutscht unruhig auf seinem Sessel hin und her. Der Saal tobt, die meisten Delegierten tragen Warnwesten, einige drehen Lauterbach auf der Videowand den Rücken zu, Buhrufe, Pfeifkonzerte, der Saal kocht. Dem von der ABDA engagierten Moderator (Ralph Erdenberger) gelingt es, den Kesseldruck im Saal zu mindern. Und bevor Lauterbach sein Statement abgeben kann, redet Overwiening Tacheles mit K.L.: Eigentlich hätte es ein Auftakt für einen Dialog sein können, aber jetzt geben Sie an eine Zeitung, was Sie uns sagen wollen – das versteht hier niemand. Als Sozialdemokrat möchten Sie gleichwertige Versorgung im Land. Aber Ihre Pläne zeigen: Sie wollen den Menschen unterschiedliche Qualitäten der Versorgung zumuten. Warum wollen Sie diesen heilberuflich geführten Beruf zerstören, den Boden untern den Füßen wegziehen? Warum kommen Sie heute damit auf uns zu statt Apotheken zu stärken?“ Lauterbach wich aus, raspelte Süßholz, schleimig quellendes Süßholz: Er wäre gern vor Ort beim Apothekertag dabei gewesen, es wäre ein Erlebnis gewesen. Einer hochexplosiven Stimmung gehe er nicht aus dem Weg, so seine Worte. Rattenscharf ist seine Erklärung für die Vorabveröffentlichung seiner Ideen: „Sie hatten so immerhin Zeit, diese  schon zu diskutieren.“ Stark, oder? Auf diese Rechtfertigung muss man erst mal kommen. Um die Hitze im Saal herunterzubringen, versuchte er sich mit Nettigkeiten: „Wir haben nicht zu viele Apotheken…, den Rückgang der Apothekenzahlen bedaure ich… ich achte Ihre hohe Qualifikation…“ Auch ein echter Lauterbach war dieser Satz: „Aus den Apotheken müssen wir noch mehr herausholen“ – einen Satz, den wir uns nur so zu Ende denken können: „…ohne mehr zu bezahlen.“

Es folgen seine Ideen zur „Versorgungssicherstellung“, die doch „keine Vorgaben, sondern nur Möglichkeiten“ seien, „mit zusätzlichen Freiheiten“. Die Explosionsgefahr im Saal ist groß.

Nach seiner Rede gibt es noch ein paar Fragen an ihn, durch die man ihm Äußerungen abringen kann, dass er gegen mehr Versandhandel sei und gegen den Fremdbesitz. Beim Thema Honorar gibt’s natürlich keine Zusage, zwar seien viele Apothekenleistungen unterfinanziert, aber er könne sich eher Honoraranreize für strukturschwache Standorte vorstellen. Mein liebes Tagebuch, bei alledem kann man sich vorstellen: Die kommenden Auseinandersetzungen mit ihm werden nicht vergnügungssteuerpflichtig. Bevor er sich dann aus dem digitalen Cyber-Space verabschiedet, versucht es Overwiening noch mit einem herzig-charmanten Angebot: Sie lud ihn zu sich in die Apotheke ein: „Ich würde ihnen alles zeigen!“ Doch selbst dieses Angebot nahm K. L. nicht an, er gab ihr einen Korb und weg ist er.

Zurück bleibt ein aufgebrachtes Plenum. Overwienings Fazit: Es war nichts dabei, dass er das Fixum anheben will….  aber wir brauchen ein höheres Fixum! Lauterbach verpackt als Geschenk, was letztlich eine tragische Entwicklung für Apotheken wäre. Es wird unsere Aufgabe sein, das zu enttarnen, was dahinter steckt.“ Ja, mein liebes Tagebuch, und das wird nicht leicht sein: Denn schon am nächsten Tag berichteten die Medien, dass Lauterbach den Apotheken doch eigentlich konstruktive Vorschläge überbracht habe….

Die Resolution, die Proteste

Nach Lauterbachs Erscheinung ist es fürs Präsidium und Plenum klar: Da muss rasch eine Resolution her und in die Öffentlichkeit. Doch die Diskussionen sind noch so aufgewühlt und energiegeladen, dass es schwer ist, sich auf einen passenden Resolutionstext, der zudem kurz und knackig sein sollte, zu verständigen. Das Präsidium legt eine Nachtschicht ein und präsentiert dann am nächsten Tag den Text, Überschrift „Apotheken stärken! Jetzt! zur Stabilisierung der Arzneimittelversorgung.“ Tenor: Der Minister ist auf einem gefährlichen Irrweg, die Apothekerinnen und Apotheker gehen da nicht mit.

Und wie geht’s nun weiter: Overwiening und Lauterbach werden sich am 13. Oktober treffen, er will sie endlich empfangen. Wie schön, nach mehreren vorausgegangenen Absagen. Was daraus folgt, ist überhaupt nicht absehbar. Daher ist schon mal vorsorglich Protest angesagt! Und zwar richtig, mit Konzept und „nicht aus der kalten Hose“, so Overwiening. Der November wird als Protest-November ausgerufen. Ab 8. November werden an jedem Mittwoch dieses Monats Apotheken in unterschiedlichen Regionen Deutschlands (Osten, Norden, Westen und Süden) schließen. Am 29. November soll es dann in Berlin eine große Kundgebung geben. Mein liebes Tagebuch, der Kampf beginnt.

„Die Düsseldorfer Erklärung“

Adressat der Schlussresolution („Die Düsseldorfer Erklärung“) dieses Apothekertags, sind die Bundesregierung und die Öffentlichkeit. Da steht drin, was die Apotheken wollen, was sie brauchen. Wenn unser System der Arzneimittelversorgung und Apotheken – eines der besten System der Welt – erhalten bleiben soll, dann ist das Fahrplan, wie es erhalten bleiben kann: Festzuschlag 12 Euro, jährliche Anpassung, Unabhängigkeit des Apothekerberufs, ein reduzierter Kassenabschlag von 1,48 Euro und alle weiteren notwendigen Aufwendungen mit extra Refinanzierung. Mit schönem Gruß an die Regierung, so sieht’s aus. Alternative: Apotheken kaputtsparen.

So steht’s um die deutschen Apotheken

Den Programmplatz des Apothekertags, der für die Diskussionsrunde mit den Gesundheitspolitikern vorgesehen war, füllten die Veranstalter mit einem Vortrag von Claudia Korf, Geschäftsführerin Ökonomie der ABDA, Thema: Die Halbjahresbilanz 2023. Die vorgestellten betriebswirtschaftlichen Zahlen zeigten nur eins: Es geht abwärts, in ein Tal der Tränen. Ihren Vortrag gestaltete Korf als Mitmach-Aktion: Sie stellte Fakten vor, und schloß die einzelnen Kapitel mit dem Satz „Zahlen lügen nicht“, worauf das Plenum dann „Apotheken stärken. jetzt!“ antworten sollte. Mein liebes Tagebuch, das muss man mögen, die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Ich fühlte mich da eher in eine Kita-Gruppe versetzt, bisweilen klang es auch nach Kirche, wo nach jedem Gebetsabschnitt das „Amen“ folgt, ja, so sei es. Nun ja, vielleicht sollte das auch ein wenig von den zum Teil ernüchternden Zahlen ablenken. Und sie sind in der Tat dramatisch: Es gibt nur noch 17830 Apotheken in Deutschland, bis zum Jahresende, so die Prognose, könnten die Zahl der Apothekenschließungen erstmals auf 600 steigen. Düster und dunkelrot sind die betriebswirtschaftlichen Zahlen: Steigende Kosten für Gehälter, Energie, Miete, dazu der erhöhte Apothekenabschlag und über allem die Inflation. Das bringt einige Apotheken in ein negatives Betriebsergebnis. Unterm Strich ist das Betriebsergebnis vor Steuern im 1. Halbjahr 2023 um 4,9 Prozent gesunken im Vergleich zum 1. Halbjahr 2022. Diese Zahlen, ja, sie lügen nicht, erfordern eine dringende Anpassung des Festzuschlags auf mindestens 12 Euro. Außerdem ist eine jährliche Anpassung notwendig, die ABDA berechnete dafür einen Dynamisierungsfaktor fürs Apothekenhonorar: Laut Korf hätte das Apothekenhonorar zwischen 2012 und 2022 pro Jahr um 2,7 Prozent angepasst werden müssen. Mein liebes Tagebuch, das alles sieht gar nicht gut aus, so manche Apotheke steht vor der Schließung, nur laufende Verträge fürs Warenwirtschaftssystem oder für die Räume zögern die Schließung hinaus.

Arbeiten an der Zukunft

Lauterbach ist (zum Glück) nicht alles. Es gab auch die Diskussionen und Beratungen zu zahlreichen Anträgen, die Verbesserungen und notwendige Veränderungen für die Apotheken bringen sollen. Was in diesem Jahr auffiel: Nicht alle von Kammern, Verbänden oder Kolleginnen und Kollegen vorgeschlagenen Themen wollten die Delegierten richtig gerne ausdiskutieren. Auf der Klaviatur der Geschäftsordnungs-Instrumente wurde häufig der Verweis in den Ausschuss (auch gerne als Beerdigung bezeichnet) gespielt, außerdem Anträge auf Schluss der Beratung, Schluss der Rednerliste oder Übergang zum nächsten Antrag. Und so kam es, dass einige Anträge den Bach hinunter gingen oder unbearbeitet blieben. Schade, aber so geht Demokratie.

Im ersten Abschnitt zum Thema ‚„Sicherstellung der Versorgung“, waren die Lieferengpässe das Hauptthema. Das Plenum nahm einen Leitantrag an, mit dem der Gesetzgeber/Verordnungsgeber aufgefordert wird, die Abgabe von Arzneimitteln an die Versicherten im Rahmen einer Aut-simile-Regelung für alle akut benötigten Arzneimitteln zuzulassen.

Abgelehnt wurde dagegen ein Antrag des Landesapothekerverbandes Baden-Württemberg, Sonderkontingente mit ausländischer Ware für den Notdienst zu schaffen.

Im zweiten Abschnitt zum Thema „Nachwuchs und Ausbildung“ schaffte es kein Antrag in die Weiterbearbeitung. Zum Beispiel stießen Nachbesserungen am Positionspapier der Bundesapothekerkammer für die Novellierung der Approbationsordnung nicht auf Gefallen – dieses Papier möchte man vorerst wohl nicht mehr anfassen. Daher wurde ein interessanter Antrag, der eine Stärkung der Famulatur (auch zur Nachwuchsgewinnung) vorschlug, abgelehnt.

Der Dritte Antragsabschnitt stand unter der Überschrift „Digitalisierung und Nachhaltigkeit“. Angesichts des geplanten Gesundheitsdatennutzungsgesetzes wird eine beispiellose Machtzunahme der Krankenkassen befürchtet. Der Apothekertag spricht sich daher für eine eindeutig geregelte Abgrenzung der Kompetenzen von Heilberuflern und Krankenkassen aus.

Im letzten Abschnitt „Rahmenbedingungen und Berufsausübung“ ging’s u. a. ums Honorar. Obwohl mehrere Anträge für die Einführung von Zusatzhonoraren plädierten, fanden diese im Plenum letztlich wenig Gefallen. Überwiegender Tenor: Man dürfe sich jetzt nicht verzetteln und sollte mit aller Kraft für eine Erhöhung des Apothekenhonorars kämpfen. Mein liebes Tagebuch, kann man unterschreiben Sonder- und Zusatzhonorare sind eher etwas für ruhigere Zeiten; wenn das eigentliche Honorar viel zu wenig ist, helfen auch die kleinen Vergütungen nicht weiter. Der Leitantrag war eindeutig: Der Gesetzgeber/Verordnungsgeber muss die lange überfällige und dringend notwendige Erhöhung des Apothekenhonorars auf 12 Euro pro Packung eines verschreibungspflichtigen Arzneimittels vornehmen und in Zukunft nach einem Index anpassen. Außerdem fordert der Apothekertag, den Apothekenabschlag auf 1,48 Euro netto (derzeit 1,77 Euro brutto) festzuschreiben.

 

26. September 2023

Ein Überraschung ist das nicht: Die Apothekengewerkschaft Adexa fordert 10,5 Prozent mehr Gehalt für die Apothekenmitarbeiterinnen und -mitarbeiter. Hauptgrund: Inflation und dadurch Reallohnverluste. Mein liebes Tagebuch, und nun? Die Forderung ist, aus Sicht der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter berechtigt, nicht aus der Welt und angesichts der Preis- und Mietsteigerungen nicht überzogen. Und wie reagiert der Arbeitgeberverband Deutscher Apotheken (ADA) darauf? Wie sehen die Apothekeninhaberinnen und -inhaber diese Forderung? Immerhin, die ADA fällt nicht aus allen Wolken, der ADA-Vorsitzende Thomas Rochell lässt erkennen, dass er zu Verhandlungen bereit ist. Mein liebes Tagebuch, vollkommen richtig, irgendwie muss hier eine Lösung gefunden werden, wohlwissend, dass etwa 10 Prozent der Apotheken bereits defizitär sind und 30 Prozent wirtschaftlich gefährdet, wie Rochell sagt. Aber nicht nur die schwachen und gefährdeten Apotheken könnten solche Gehaltssteigerungen nicht stemmen. Es gibt bereits große Apotheken, die erkennen lassen, 10 Prozent und mehr an Gehaltssteigerung nicht zahlen zu wollen und nicht zu können. Es werden schwierige Verhandlungen werden. 


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