Mein liebes Tagebuch

2023 sollte für uns Apothekers das Jahr sein, in dem es berufspolitisch vor allem darum geht:  Honorarerhöhung. Wie bekommen wir es hin, dass uns die Politik erhört? Was müssen wir dafür tun? Immerhin will die Politik sogar ein zweites Gesetz zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken auflegen. Das ist die Gelegenheit! Da muss der ABDA-Thinktank mal hirnen und eine knallharte Strategie ausarbeiten. Ein paar leise Pressemitteilungen, wie schlecht es uns Apothekers geht, reichen nicht, sie werden nicht ernst genommen. Aus dem Berliner Apothekerhaus muss ein Doppel-Wumms kommen.

9. Januar 2023

Das sind sie, die drei Top-Themen der Apothekenleiterinnen und -leiter im Jahr 2023: die Anpassung des Apothekenhonorars, der Bürokratieabbau im Apothekenalltag und die Vermeidung von Lieferengpässen. Das ergab eine Apokix-Umfrage des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH). Mein liebes Tagebuch, dieses Ergebnis kann mit Sicherheit jede Apotheke Deutschlands unterschreiben. Aber wie geht’s weiter? Was tut die Politik, was tut die Standesvertretung, um die Forderungen, die in diesen drei Themen stecken, anzupacken? Auf eine Honorarerhöhung warten die Apotheken bereits seit zehn Jahren. 2013 wurde es von 8,10 auf 8,35 Euro erhöht, seitdem hat sich beim Honorar nichts getan. Nun war es in den vergangenen Jahren durchaus so, dass unsere Berufspolitiker jährlich eine weitere Anpassung von der Politik forderten. Aber dort stellte man sich taub, vermutlich waren Apothekers Forderungen so liebevoll sanft und leise, dass sie in der Politik nicht ankamen – die Politik versteht wohl nur eine andere Sprache. Auch die Forderung des letztjährigen Deutschen Apothekertags, das Fixhonorar auf 10 Euro plus 5 Prozent vom Arzneimittelpreis anzuheben, löste null ernsthaftes Echo im Bundesgesundheits- und Bundeswirtschaftsministerium aus. Allenfalls ein müdes Lächeln mit dem Tenor: Was wollt ihr Apothekers, ihr habt doch euren Reibach in der Coronazeit mit Masken und Zertifikaten gemacht. Mein liebes Tagebuch, so darf es nicht mehr weitergehen! Es wird höchste Zeit, dass wir unsere Honorarforderung mit lauten Worten in der Politik artikulieren – Gründe dafür, dass es so nicht weitergehen kann, haben wir doch genug! Ob allerdings unsere Standesvertretung, allen voran unsere Ehrenamtlichen, dies in der gebotenen Schärfe und Deutlichkeit leisten können? Laut den Apokix-Ergebnissen geben die Teilnehmer an der Umfrage unserer Standesvertretung nur die Note 4,0 – mit der Arbeit im vergangenen Jahr scheint man nicht sonderlich zufrieden gewesen zu sein.

 

10. Januar 2023

Die Ampelkoalition hat noch einige unerledigte Aufgaben. Sie will z. B. die medizinische Versorgung in den Kommunen verstärken und den Zugang zu gesundheitlicher Versorgung verbessern, so der Koalitionsvertrag. Gesundheitsminister Lauterbach will dies nun mit zwei sogenannten „Versorgungsgesetzen“ angehen. Wie er sich das vorstellt? Nun ja, wir haben es bereits vernommen: An erster Stelle stehen da seine geliebten Gesundheitskioske: 1000 Kioske möchte er in deutschen Landen aufbauen. Zentrale Aufgaben der Kioske soll die Vermittlung von medizinischen Leistungen sowie von Angeboten der Prävention und Gesundheitsförderung sein – sowie eine „Anleitung zu deren Inanspruchnahme“, außerdem sollen dort u. a. auch einfache medizinische Routineaufgaben durchgeführt werden, was immer das sein mag. Neben einer Reihe weiterer Maßnahmen zur Sicherung der ambulanten Versorgung soll auch die Gründung von kommunalen Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) erleichtert werden und mehr Spielraum für Verträge zwischen Krankenkassen und Leistungserbringern geschaffen werden, um innovative Versorgungsformen zu stärken. Ein zweites Versorgungsgesetz hat die „Stärkung des Zugangs zu gesundheitlicher Versorgung“ als Leitidee. Auch hier finden sich mehrere Maßnahmen, z. B. auch um MVZ weiterzuentwickeln. Mein liebes Tagebuch, dies alles deutet darauf hin, dass hier dick voll gepackte Versorgungsgesetze kommen werden, mit denen für die Versicherten möglicherweise einiges besser werden könnte. Was auffällt: Apotheken kommen in den Planungsideen für diese Versorgungsgesetze bisher nicht vor, auch nicht im Zusammenhang mit Kiosken. Und das mag vielleicht sogar gut sein. Vergessen hat die Ampelkoalition die Apotheken wohl nicht, denn sie hat noch Pläne für die Apotheken in der Notfallversorgung in petto. Außerdem soll noch das „Gesetz zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken“ novelliert werden, „um pharmazeutische Dienstleistungen besser zu honorieren und Effizienzgewinne innerhalb des Finanzierungssystems zu nutzen“. Vorsicht, mein liebes Tagebuch, was sich wohl hinter den kryptischen Ankündigungen verbirgt, Effizienzgewinne besser zu nutzen? Da ist noch nichts Konkretes bekannt geworden. Beim Wort „Effizienzgewinne“ schwant uns nichts Gutes. Und eigentlich brauchen wir nicht nur eine bessere Honorierung pharmazeutischer Dienstleistungen – wir brauchen endlich eine Honorarerhöhung!

 

So sieht also die Lösung von Lieferengpässen bei Antibiotika und Lieferengpässen aus, auf die sich der Bundesgesundheitsminister und der GKV-Spitzenverband verständigt haben: Die Festbeträge für bestimmte Fertigarzneimittel mit den Wirkstoffen Ibuprofen und Paracetamol sowie für Antibiotika, die als Zäpfchen oder in flüssiger Anwendungsform vorliegen, sollen ab dem 1. Februar 2023 für drei Monate ausgesetzt werden. Mein liebes Tagebuch, was soll das bringen? Lässt sich die Produktion so rasch hochfahren? Lag es nur an den niedrigen Festbeträgen, dass die Industrie in Deutschland nichts mehr verkaufen wollte? Auch die ABDA zeigt sich skeptisch, ob diese BMG-Maßnahme die Situation entspannen wird, denn oft gebe es nur wenige Hersteller, wodurch das Angebot dieser Arzneimittel insgesamt begrenzt sei. ABDA-Präsidentin Gabriele Regina Overwienig forderte außerdem mehr Entscheidungsspielräume für die Apotheken – etwa bei der eigenen Herstellung von Arzneimitteln. Und auch die Pharmaindustrie reagierte zurückhaltend. Es sei abzuwarten, ob die Aussetzung der Festbeträge kurzfristig tatsächlich zu einer besseren Verfügbarkeit von Produkten auf dem deutschen Markt führe. Nein, mein liebes Tagebuch, dieses Gesetz ist wohl nicht mehr als eine PR-Maßnahme, um die medialen Wogen um Lieferengpässe zu glätten – davon ist auch Julia Borsch, Chefredakteurin von DAZ.online überzeugt. In ihrem Kommentar sagt sie: „Diese vermeintlich großzügige Ankündigung wird wenig nützen wird – vor allem nicht kurzfristig zur Überbrückung. Denn ohne Ware spielt auch der Festbetrag keine Rolle. Wenn nichts da ist, ist es ein Leichtes zu sagen, man bezahle jeden Preis.“  Mein liebes Tagebuch, dem ist nichts hinzuzufügen.

 

11. Januar 2023

Beim apothekeneigenen Dienstleistungskonzern Noventi läuft es seit einiger Zeit nicht mehr rund. Wir erinnern uns: Im September des vergangenen Jahres mussten der Vorstandsvorsitzende Hermann Sommer und Noventi-Finanzchef Victor Castro das Unternehmen verlassen, der Grund: „unüberbrückbare Differenzen bei Unternehmensführung und -strategie“. Irgendwie hatte Noventi wohl ein bisschen über die Verhältnisse gelebt: zu viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, besonders günstige Konditionen für die Kunden. Und dann kamen die hohen Kostensteigerungen, die Inflation und konjunkturelle Entwicklungen, die einen Kurswechsel der Unternehmenspolitik erzwangen. Die Neuen an der Noventi Spitze, Mark Böhm und Frank Steimel, hatten zudem alle Hände voll zu tun, eine aufkommende Verunsicherung der Kunden durch die Umstrukturierungen zu beruhigen. Immerhin gehört mit der Marke VSA auch „eines der größten Rezept-Abrechnungszentren im Gesundheitswesen in Europa“, so das firmeneigene Wording, zu Noventi.  Verunsicherung bei Rezeptabrechnern – da kommt bei vielen noch die Erinnerung an die AvP-Insolvenz und ihre Folgen auf. Steimel und Böhm versicherten jedoch: Die Abrechnungsgelder sind sicher. Das konnte fürs erste beruhigen. Anfang Januar dann der Paukenschlag: Der Umbau und die Neustrukturierung von Noventi werden eingeläutet, das Unternehmen trennt sich von 460 seiner mehr als 2200 Beschäftigten, verkleinert die Geschäftsführung und bemüht sich um frisches Geld. Doch das reicht nicht, Noventi braucht mehr. Und so gibt’s jetzt noch eine Finanzspritze in Höhe von 20 Millionen Euro vom Eigentümerverein der Noventi, dem FSA (Förderungsverein der Süddeutschen Apotheken), der Alleinaktionär der Noventi Health SE ist, der Dachgesellschaft der Noventi Group ist. Zum Hintergrund: Mitglieder im FSA sind nur Apothekerinnen und Apotheker mit Vor-Ort-Apotheken. Mit dem FSA sind über ein paar Ecken allerdings auch die Apothekerverbände aus Bayern und Baden-Württemberg verbandelt. Da gibt es nämlich eine Grundstücksverwaltungsgesellschaft, die B.A.G., bei der neben dem FSA die beiden Apothekerverbände, der Bayerische Apothekerverband (BAV) und der Landesapothekerverband Baden-Württemberg (LAK) als Gesellschafter beteiligt sind. Und nachdem sich der BAV also ein genaues Bild von der Situation der Noventi gemacht hatte, stimmte er einem FSA-Darlehen (das Geld kommt von der B.A.G.) für die Noventi zu. Mein liebes Tagebuch, so ein großes Unternehmen wie die Noventi, das mit zahlreichen Produkten, vor allem auch einem großen Rezeptabrechner im Markt vertreten ist, umweht wohl immer ein Hauch von  too big to fail. Vor diesem Hintergrund ist es zu wünschen, dass eine Neuausrichtung des Unternehmens gelingt. Ob Noventi allerdings auch weiterhin fünf verschiedene Warenwirtschaftssysteme im Angebot haben muss?

 

12. Januar 2023

Was Mathias Arnold, Vorsitzender des Landesapothekerverbandes Sachsen-Anhalt und ABDA-Vize, in seiner Pressemitteilung erklärt, kann man nur unterschreiben. Mal die Eckpunkte daraus in Kürze: Die Ökonomisierung im Gesundheitswesen ist gescheitert. Die Rabattverträge der Krankenkassen haben die Jagd nach immer billigeren Arzneimitteln eröffnet, es sind monopolartige Strukturen in der globalisierten Welt entstanden. Apotheken brauchen zu viel Zeit für das Managen der Lieferprobleme. Die avisierte Honorierung für das Lieferengpass-Management (50 Cent) bildet die betriebswirtschaftliche Realität in keiner Weise ab. Außerdem spricht Arnold noch das Problem von Null-Retax sowie die steigenden Kosten und die Inflation an. Alles richtig, mein liebes Tagebuch, muss alles mal raus und laut gesagt werden. Aber wird das auch gehört? Reicht es da, eben mal eine Pressemitteilung rauszuhauen? Natürlich nicht. Da muss mehr folgen. Freilich, Arnold erinnert auch daran, dass die Vergütung der Apotheken seit 2013 nicht angepasst wurde. Und da wären wir wieder beim Topthema für dieses Jahr: Anpassung des Apothekenhonorars. Diese dringendste Forderung darf nicht in der Menge der übrigen Missstände untergehen, es muss das dringendste Anliegen sein. Und da muss nun mehr folgen als Pressemitteilungen.

 

13. Januar 2023

Wollen wir oder wollen wir nicht? Gefragt wird nach unserer Einstellung zur Abgabe von Genuss-Cannabis an Erwachsene in Apotheken. Die ABDA startet – spät genug – gerade eine Blitzumfrage unter Apothekerinnen und Apothekern zu diesem Thema. Ja, mein liebes Tagebuch, es wird höchste Zeit für ein Meinungsbild, wie wir Apothekers dazu stehen. Immerhin liegt das Eckpunktepapier von Karl Lauterbach für die Legalisierung von Cannabis seit Herbst des vergangenen Jahres vor. Und die Frage, ob wir in der Apotheke Rauschdrogen zum Genießen verkaufen wollen, ist vielschichtig und noch längst nicht ausdiskutiert. Immerhin, es steht im Raum, dass auch Apotheken zu den lizenzierten Fachgeschäften für die Abgabe dieser Droge  gehören sollen. Was man bisher so hörte und las, so gibt es allerdings unter uns Apothekers keine eindeutigen Mehrheiten pro oder kontra Cannabisverkauf in der Apotheke. Und die Position der ABDA dazu ist ambivalent: Einerseits lehnt unsere Standesvertretung die Freigabe von Cannabis zu Genusszwecken ab, sie sieht hier einen heilberuflichen Zielkonflikt. Auch die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) kann sich dies nicht vorstellen und hat sich in einem Statement sogar gänzlich gegen die Legalisierung ausgesprochen. Andererseits will die ABDA sich nicht verweigern, wenn der Gesetzgeber auf die Apotheken als Abgabestelle zurückgreifen will: Man will gesprächsbereit und vorbereitet sein. Ups, mein liebes Tagebuch, das sieht ein bisschen so aus wie das Engelchen auf der rechten Schulter, das die Gefahren sieht, und das Teufelchen auf der linken, das sich für den Gesundheitsminister nicht bockig zeigen möchte. Und ja, vielleicht sitzt da sogar noch ein zweites kleines Teufelchen dabei, das schon die möglichen Cannabis-Umsätze als kleine Einnahmequelle hochrechnet. Mein liebes Tagebuch, aus Sicht einer klinisch-pharmazeutisch denkenden Apothekerin bzw. eines ebenso aufgestellten Apothekers ist die Apotheke nun wirklich keine Genussdrogen-Abgabestelle. Außerdem würden wir dann mit anderen lizenzierten Abgabestellen in Konkurrenz treten. Und wie sähe es dann mit dem Verkaufspreis aus, einheitlich oder frei kalkuliert? Auch das noch! Also, machen Sie mit bei der ABDA-Umfrage – die ABDA sollte wissen, wie ethisch oder monetisch ihre Schäfchen aufgestellt sind. Letztlich wird keine Apotheke gezwungen, Genussdrogen zu verkaufen, und es ist noch lange nicht klar, ob so eine Legalisierung in der EU rechtssicher realisiert werden kann.


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