Intensivmediziner: Erste Daten zur Omikron-Sterblichkeit „überraschen“
Omikron macht weniger krank – überwiegend. Die Beatmungsquote hat sich halbiert. Allerdings: Die Sterblichkeit der Beatmeten lag bei mehr als 50 Prozent. Das ergab eine aktuelle Auswertung. Es seien erste Daten, die „etwas überraschen“, urteilt Intensivmediziner Christian Karagiannidis.
Die Coronavariante Omikron hat sich rasend schnell ausgebreitet. Doch sie hat die Menschen weniger stark krank gemacht – jedenfalls in der Tendenz. Das hat sich in den deutschen Krankenhäusern ebenso gezeigt. Oft war es dort zwar auch während der Omikron-Wellen eng, unter anderem wegen Personalmangel. Aber die Intensivstationen gerieten meist nicht an ihre Grenzen. Nun liefert eine aktuelle Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der Krankenkasse AOK (WIdO) erste Daten zur Omikron-Sterblichkeit aus den Kliniken.
Drei zentrale Ergebnisse der Klinik-Analyse:
1. Die Beatmungsquote hat sich halbiert.
Das ist die gute Nachricht. Konkret hat sich der Anteil der hospitalisierten Erkrankten ab 18 Jahren, die auf Beatmung angewiesen waren, im Vergleich zu den beiden vorangegangenen Infektionswellen von 22 auf elf Prozent halbiert.
2. Die Sterblichkeit der Beatmeten lag aber weiter bei mehr als 50 Prozent.
Bei den besonders schwer erkrankten Patientinnen und Patienten gab es also keine positive Entwicklung. Auch ohne Beatmung lag die Sterblichkeit bei 13 Prozent.
3. Behandlungen von Kindern wegen Covid-19 stiegen deutlich.
Bemerkenswert ist den Analysten zufolge auch der deutliche Anstieg des Anteils der wegen Covid-19 stationär behandelten Kinder und Jugendlichen an allen Patientinnen und Patienten: Er lag in den ersten drei Monaten des Jahres 2022 zwischen zehn und elf Prozent. Zum Vergleich: In der vierten Welle von Oktober bis Dezember 2021 lag dieser Wert noch bei zwei bis drei Prozent.
Das WIdO aktualisiert mit den vorliegenden Daten eine Auswertung aus dem April 2022, die anlässlich der Vorstellung des Krankenhaus-Reports 2022 veröffentlicht worden ist. Basis sind die Abrechnungsdaten der AOK-Versicherten. Sie bilden etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung ab. Für die Covid-19-Analysen wurden die Daten von rund 190.000 Patientinnen und Patienten mit bestätigter Covid-19-Diagnose und für diese Erkrankung relevanter Hauptdiagnose ausgewertet. Die Untersuchung umfasst diejenigen, die vom 1. Februar 2020 bis zum 31. März 2022 in deutsche Krankenhäuser aufgenommen wurden.
Wie die Sterblichkeitsdaten einzuordnen sind
Der wissenschaftliche Leiter des Intensivbettenregisters (Divi), Christian Karagiannidis, schreibt hierzu auf Twitter: „Erste Daten zur Omikron-Sterblichkeit aus deutschen Krankenhäusern, die etwas überraschen.“ Doch sie passen zu den Werten im Intensivregister. Auch hier zeige sich etwa eine Halbierung der Beatmeten. Das sei insgesamt eine gute Entwicklung, weil die Zahl der schweren Fälle deutlich zurückgegangen sei.
Allerdings lautet sein Fazit: „Wenn man aber schwer erkrankt, dann ist auch Omikron ähnlich gefährlich wie vorhergehende VOC.“ (Variant of concern, besorgniserregende Variante)
Mehr zur Omikron-Variante
In der Auswertung wurde berücksichtigt, dass Covid-19 während der Omikron-Wellen häufig eine Nebendiagnose war. Es kamen also viele Menschen wegen einer anderen Erkrankung oder nach einem Unfall ins Krankenhaus und wurden dort positiv getestet.
„Mit der Omikron-Welle sank der Anteil der Patientinnen und Patienten, die wegen Covid-19 stationär behandelt werden mussten. Gleichzeitig stieg der Anteil derer, bei denen Covid-19 nicht der primäre Behandlungsanlass für den Krankenhausaufenthalt war“, erklärt WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber. „Daher haben wir in unsere aktuellen Analysen nur noch jene Patientinnen und Patienten einbezogen, bei denen zusätzlich zur Covid-19-Diagnose eine weitere, für diese Erkrankung relevante Hauptdiagnose wie beispielsweise eine Viruspneumonie oder eine akute Infektion der Atemwege kodiert wurde.“ Ob die Betroffenen geimpft, geboostert oder ungeimpft waren, ist nicht mit aufgenommen.
Den starken Anstieg in den jüngeren Altersgruppen erklärt Klauber damit, dass sich in der Omikron-Welle die hohen Inzidenzen auch bei den Krankenhausbehandlungen widerspiegeln.
Die vorliegende Auswertung zeigt einen Ausschnitt der Lage in den Krankenhäusern. Da sie Werte bis Ende März enthält, berücksichtigt sie nicht das ganze Ausmaß der BA.5-Welle – der Variante, die aktuell in Deutschland kursiert. Daher lassen sich die Daten nicht ohne weiteres auf die derzeitige Situation übertragen. Andererseits erfassen sie auch nicht, an welchen Spätfolgen Menschen vielleicht erst nach der Entlassung aus dem Krankenhaus versterben.
Doch sie zeigen: Omikron kann schwer krank machen und viele Menschen haben Gründe, sich davor zu schützen. Grundsätzlich allerdings verlaufen Omikron-Infektionen überwiegend mild. Denn sie greifen weniger als Delta tiefes Lungengewebe an, sondern eher die oberen Atemwege.
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